wie zwei verlierer die welt retteten.

Von Hinten (Deutschland '87 - '24)

Oft habe ich mich gefragt 'Wer hat die Karten gezinkt?', wieso muss ich mit diesem Blatt spielen? Woher kommt das und wieso ist das so? Sind es Gene, die DNA in meinen Zellen oder anerzogen? Soziale Prägung? Alles zusammen? Oder bin ich doch einfach nur ein Loser? Traumatisiert von der Arbeit auf der Intensivstation. Schlechte oder glückliche Kindheit? 
Oft dachte ich, wenn ich es schaffe diese Fragen klar zu beantworten, dann werde ich geheilt sein. Auf einmal nicht mehr voll süchtig, sondern in mir ruhend und ausgeglichen. Vielleicht am Wochenende zum Markt, frisches Gemüse kaufen, danach bisschen spazieren gehen und mit meiner Frau das Haus weiter renovieren. Diese Fragen habe niemals beantwortet, also ist da auch kein Gemüse. Keine Frau und kein Haus das auf mich am Wochenende wartet.
Oft habe ich mich gefragt, wieso ich so unerträglich wütend bin. Sobald sie mich auf Entgiftung in die Psychiatrie schicken, werde ich nüchtern und dann wütend. Konsumiere ich um nicht mehr wütend zu sein? Bin ich wütend, weil ich nicht konsumiere? Für immer nüchtern und wütend? Was ist das? Wo kommt das denn her?
Ich habe zehn Jahre kein Wort geschrieben, kein Gedicht, keine Kurzgeschichte und auch keinen Brief. 
Es schmerzte, schmerzte so sehr, dass zu schreiben mir die Luft nahm. Aber ich spüre dass der nächste Rückfall mein letzter sein wird. Ich habe es geschafft und alles auf die Spitze getrieben. Vor zehn Jahren habe ich Heroin in zwei Wochen zu Hause ausgeschwitzt. Mit Methadon und Benzodiazepinen ist das anders. Mittlerweile bin ich vier Wochen clean und habe immer noch Schmerzen. So einen Kraftakt werde ich nie wieder schaffen, andere wollen nicht zurück in den Knast und ich gehe nie wieder in die Psychiatrie. Das war es für dieses Leben. 
Deswegen ist es nun an der Zeit alles aufzuschreiben, ehrlich zu mir selber sein und alles was mir angetan wurde in Text zu speichern. Ich schreibe auch nicht nur für mich. Ich schreibe für alle toten Patienten, ob Kind oder Oma, ich schreibe für alle Junkies die es nicht geschafft haben und ich schreibe für alle Prostituierten die da nicht rauskommen. Ich fühle mich diesen Menschen näher als jedem Arbeitskollegen oder Verwandten. 
Dies wird kein Buch mit Pointe. Hier ist keine Twist am Ende versteckt. Nur eine hoffentlich längere Phase des "Clean seins" und die will ich nutzen um zu schreiben. Es gibt keine Auflösung am Schluss, eine Auflösung die dem Leser zeigt, warum ich das hier tue. Denn ich weiß es nicht. Und das ist das Schlimmste. Das Gefühl eine Zeitbombe zu sein. 


1.0 - Warum Heroin?

Fragen sich viele. Wieso überhaupt damit anfangen? Es gibt viele Gründe und Ursachen. Meistens hält man sich für schlau. Du probierst einmal. Vielleicht eine kleine Nase und merkst 'Hey das ist ja gar nicht so schlimm!'. Dir geht es am nächsten Tag sogar gut. Kein Entzug und kein Kater. Zum ersten Mal war die Welt eine Weile still, kein Schmerz, nur Liebe und Wärme. Dein ganzer Körper, jede Zelle, alles singt vor Liebe. Also kannst du ja erstmal nur am Wochenende konsumieren. Klappt vielleicht sogar vier, fünf Monate. Kein Problem. Du bist schlau, kein Junkie, in tausend Jahren nicht so dumm wie die Obdachlosen oder Nutten. Und vor allem - du bist immer noch nicht abhängig.
Doch dann ist da dieser Montag. Harter Tag, dir geht es nicht gut, Stress mit dem Partner oder vielleicht ist dein Geburtstag. Du hast Trost oder eine Belohnung verdient. Also kann eine kleine Nase nicht schaden. Vielleicht auch Dienstag. Klappt ja so gut. Wieso nicht immer gut fühlen? Dann am Mittwoch oder Donnerstag kommst du zu Sinnen und lässt es sein. Der Stoff ist eh alle. Na Gott sei Dank, neu holen? Auf keinen Fall. Aber wieso geht es dir so komisch? Muss eine Grippe sein, oder? Woher der Durchfall und die Bauchschmerzen? Wieso kribbeln die Beine so extrem dass du nicht ruhig liegen oder sitzen kannst? Irgendwann fällt es dir auf, oder dein spezieller Freund sagt dir lachend 'Junge, du bist nicht erkältet, du bist entzügig.'
Hältst du das aus? Schaffst du das? Vielleicht hast du einen wichtigen Termin, du darfst, du kannst heute nicht krank sein. Konsumierst du also doch mehr. Und bald sitzt du neben mir. Überlegst wie du an Geld kommst.

Dann gibt es Menschen wie mich. Schwerer Schicksalsschlag, vielleicht eh schon Erfahrungen, wenn auch schlechte, mit Opiaten gemacht. Freundin ist weg. Fünf Jahre im Abfluss gluckernd. Du bist fast vierzig Jahre alt. Keine Zukunft, keine Familie, bisschen an Gewicht in den letzten Jahren zugenommen. Der Schmerz ist unerträglich, an Schlaf ist nicht zu denken und die Depression nimmt dir die Luft zum Atmen. Du denkst daran dich weg zu machen. Und dann kommt sie. Nimmt dir jeden Schmerz. Du willst eh sterben. Weg sein. Warum dann nicht bisschen gut vorher fühlen. Du weißt wie gefährlich sie ist, aber sie tut so gut. Deswegen sind manche Junkies ihrem Gift auf ewig dankbar, ohne ihre Sucht wären sie nicht mehr lebendig.

Es gibt immer hierarchisches Denken, selbst Junkies fühlen sich besser als andere Junkies. Naja, ich zieh ja nur Heroin, ich rauche es nicht. Pah, ich rauche es nur und setz mir keine Knaller. Tja, ich setz mir zwar Knaller, aber wenigstens habe ich eine Wohnung.
Denn Sucht ist Säure. Dein Leben eine Zwiebel. Jede Schicht ist ein Tabu, ein unumstößliches Prinzip. Ich würde meiner Familie das niemals antun oder ich würde mein Heroin niemals aufkochen. Aber die Säure dringt durch jede Schicht deines Lebens, sie ist geduldig und zersetzt alle Tabus, sie durchdringt alle Prinzipien. Wie es dazu kommt? 

Du gibst am Anfang für ein Gramm so 25 bis 30 Euro aus. Du bist noch nicht lange dabei, das reicht dir vielleicht sogar für zwei Tage. Du bist noch mit Nase dabei. Dann irgendwann ist es soweit, dass du am Tag schon zwei Gramm wegziehst. Sind wir schon bei mindestens 50 Euro, und wenn wir ehrlich sind, es sind eher 60 Euro. Dann kommt die Katastrophe. Der GAU, du hast kein Geld, musst aber übers Wochenende kommen. Montag gibt es Geld. Vielleicht hast du noch ein Gramm. Wenn du das jetzt ziehst, dann bist du spätestens Samstag Morgen entzügig und scheißt dir in die Hose. Du musst das Meiste, das Beste aus deinem Stoff rausholen. Jetzt ist es soweit. Wenn du es dir intravenös gibst, dann kommst du locker bis Montag mit deiner Schore hin. Die Säure hat sich jetzt weitergefressen.
Dann wieder das Übliche. Du setzt dir Knaller, aber deine Toleranz steigt, nun bist du angeschissen. Irgendwann musst du dir alle drei bis vier Stunden einen Knaller setzen. Das sind mindestens 80 Euro am Tag. Im Monat sind das 2.400 bis 2.500 Euro. 

Ich fühle mich an manchen Tagen als hätte ich eine Naturkatastrophe überlebt, so viele meiner Bekannten sind gestorben. Alles Junkies, deswegen traue ich mich nicht sie Freunde zu nennen.
Die Szene wurde vom Bahnhof vertrieben und schlug ihre Zelte bei dem nächsten Substitutarzt auf. Dort gab es eine junge Frau mit roten Haaren, wirkte immer recht fröhlich und war meist hilfsbereit. Sie wurde an einem Samstagmorgen tot aus dem Kanal gefischt. Überdosis.
Normale Menschen würden jetzt denken, wir hätte wie Verrückte nach ihrem Dealer gesucht um zu wissen welchen Stoff wir meiden müssen. Aber nein, wir suchten nach ihrem Dealer um an diese sagenhafte Schore zu gelangen. Wenn eine erfahrene Süchtige sich damit aus Versehen weg macht, dann muss das Heroin Bombe sein. Und so war es auch. Das beste Heroin meines Lebens. Frag mich nicht welches Prinzip ich damit verraten habe, es ist mir mittlerweile egal. Ich kann diese gestorbenen Prinzipien gar nicht mehr zählen.





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