wie zwei verlierer die welt retteten.

Steine im Kopf

Eine Wohnung. Das Treppenhaus stinkt. Müll überall.
Nicht nur weggeworfener Abfall. Die Menschen in der Wohnung sind auch Müll.
Ich dazwischen. Schwitzend, wohlig warm. Meine Kreditkarte leergeräumt.
Es riecht nach nassen Handtüchern. Der Mund ist trocken.
Stefan legt nach. Ich habe ihm gerade 500 Euro gegeben. Das müsste für heute und morgen reichen.
Vielleicht sogar für den Tag danach. Stefan ist nach dem Ziehen, mit seinem Handy beschäftigt.
Eine Mansardenwohnung. Wie ich es hasse. Die Wände sind schräg. Aber ich bin satt.
Kein Entzug, voll dicht. Nicke immer wieder weg. So wie ich es liebe. Mein Arm juckt.
Ich schlafe kurz ein und schaue auf meinen Ellenbogen, ich habe den Pullover durchgeblutet.

"Kommt gleich jemand.", sagt Stefan und schaut von seinem Handy auf.
Ich nicke wieder weg, schrecke auf und frage "Was?"
"Kommt gleich jemand, erschreck dich nicht, okay?"
Sofort erwarte ich jemanden wie Heiko, eine lebendige Müllkippe. Wenn er nur nach Schweiß stinken würde, wäre das okay, ich habe selber seit zwei Wochen nicht geduscht. Aber ich wasche mich wenigstens hin und wieder am Waschbecken. 
"Bitte nicht Heiko. Der stinkt nach Scheiße irgendwie.", aber Stefan schaut schon wieder auf sein Handy. Die Klingel funktioniert nicht. Kunden müssen anrufen. Hier liegen zwar mindestens ein Kilo Heroin, 300 Gramm Kokain und mehrere Lyrica und Rivotril Packungen, aber es ist kein sexy Leben. Keine Models. Keine goldenen Ketten um den Hals. Vielleicht eine Kette um meine Seele, geschmiedet aus nackter Angst entzügig zu werden. Niemand hat hier eine Waffe. Wir sind viel zu dicht um überhaupt etwas zu kapieren. 

Letzte Woche haben sie eine junge Frau aus dem Kanal gefischt. Überdosis mit Messerstichen. Die Junkies am Finanzamt sagen dass es nur um zwanzig Euro ging. Aber zwanzig Euro sind unendlich viel. Das muss man begreifen. Zwanzig Euro sind mindestens sechs Stunden ohne Krämpfe, lockere sechs Stunden eingepackt in Watte, Zwanzig Euro sind nicht sterben, nicht denken man muss vergehen. Zwanzig Euro sind die Welt für einen Junkie. Mit zwanzig Euro kann ich alles überstehen.
Wenn die Polizei uns Junkies befragt, dann sind wir taub und sind blind. Nie was gehört, nie was gesehen. Keine Ahnung. Der Platz vor dem Finanzamt, neben der Methadonausgabe, Schwarzmarkt. Schneller Handel für die zuckenden und schmerzenden Beinen. Handeln unter Zeitdruck, denn nach kurzer Zeit schon kommt der Affe und lässt dich flüssig scheißen. Keine Gnade, dann kommt die Kotze und dann die Krämpfe. Also mach besser schnell, hätte es selber nie gedacht, aber für zwanzig Euro würde ich wahrscheinlich auch jemanden abstechen. 
Also packe ich mir Ascorbinsäure auf den Löffel, streu genug Heroin hinterher, bisschen Wasser und werde Fünf Sterne Koch. Mein Mund wird noch trockener. Eine Wüste. Ich werde gierig. Meine Venen noch nicht kollabiert, zwei Jahre später wird das anders sein. Aber jetzt gerade hab ich eine fette am rechten Unterarm. Zieh die ganze Scheiße auf, schnürr' mir den Arm ab und aspiriere ob ich getroffen habe. Sobald Blut zu sehen ist, drücke ich ab.

Ich pisse mir fast in die Hose. Das stinkende Sofa unter mir wird zu einer Sänfte. Mein rotes Konto, enttäuschte Freunde, vergessene Familie - es ist alles egal. Morgen höre ich auf, aber jetzt bin ich dicht.  Der Turn ist so gut, ich würde alles dafür tun. Der Schmerz so groß, die Trauer so unsagbar riesig, dass es sich wirklich lohnt. Alles wegschmeißen für vier Stunden, alles wegwerfen für vier Minuten. Es ist so gut, dass ich mir vor Freude fast in die Hose scheiße. Alles wird warm, ich nicke weg. Keine ist besorgt. Ich könnte auf diesem Sofa sterben und würde hier noch drei Tage lang unter Menschen tot liegen. Stefan weiß dass er mich nicht anzusprechen hat. Das ist mein Turn, das ist heilig. Ich bin weg und wache langsam auf. Verlasse meinen Kokon aus Wärme und Liebe ungern. 

Stefan ist weg. Neben mir sitzt ein Mann. Ein Mann mit einem altmodischen Melonenhut. Ich muss bisschen kichern. Sieht aus wie ein echter Gentleman. Ich sage ihm wie schwer beeindruckt ich bin. Er hat natürlich einen Schnurrbart. Eine Fliege um den Hals. Da bedankt er sich höflich für das Kompliment. Was er hier kaufen will, frage ich ihn. Nachdem er mich fragt ob ich denn der Dealer hier bin, schüttele ich den Kopf. Ich wäre nur das Maskottchen für den Dealer, ich wäre Teil dieses Sofas. Da lacht er. Aber sein Lachen hat nichts fröhliches und so langsam weiß ich wer da neben mir sitzt. Er wäre nicht für Drogen hier, er wolle mich nur mal besuchen und nach dem Rechten schauen. Ob er denn meine Mutter wäre, frage ich ihn. Da lacht er wieder. Wäre er nicht. Ganz im Gegenteil. So langsam werde ich wütend. Der Typ geht mir auf die Nerven, wie er mich anstarrt. Also frage ich ob wir ein Problem haben. Lachend verneint, zur Zeit hätten wir gar keine Probleme. Dies wäre eine Art Probe - Kennenlernen. Wir hätten noch eine ganze Ewigkeit um uns genauer kennen zu lernen. Mittlerweile stinkt es nicht mehr nach nassen Handtüchern, sondern nach Stuhlgang und mir wird tatsächlich wärmer als mir lieb ist. Die Welt ist leer und es gibt nur mich und den vornehmen Herrn auf dem Sofa. 
Ich weiß warum er da ist, ich weiß wer er ist und ich weiß dass meine Zeit noch nicht reif. Aber es beeindruckt mich unglaublich. Ich bin mir sicher dass ich mir zu viel geknallt habe. Ich habe große Angst. Die sollte ich auch haben, sagt der Mann neben mir. Aber es wäre jetzt genug, für ein erstes Treffen wäre das alles sehr amüsant gewesen.

Ich schrecke hoch und hole, fast schon schreiend wie ein Baby, Luft. Keuchend und nach vorne gebeugt, ringe ich um Fassung. Nur nicht durchdrehen, ich bin immer noch satt und dicht.
Da sitzt eine Frau neben mir. Haare schwarz - fettig, aber rosa Strähnen gefärbt. Blasses Gesicht. Langes Shirt, so wie wir alle. Sogenannte Arbeitskleidung, keiner will die blaugelben Flecken sehen.
Sie redet, ich höre noch nichts. Sie ist dünn. Aber bin mir sicher, dass sie da ist.

"Mein Baby nervt, ich bekomme zwanzig Milliliter Pola und das Baby zieht locker zehn davon weg."

Das hab ich gehört. Welches Baby. Oh.
Ihr Bauch.
Ihr Bauch ist rund.
"Du bekommst zwanzig Milliliter Pola?", fragt Stefan.
"Klar."
"Ist das nicht bisschen viel?"
"Ich sag doch - das Baby zieht mindestens zehn weg, ich merk davon gar nichts mehr."
Ich realisiere langsam dass sie schwanger ist. Sie holt Alufolie aus der Tasche.
Schore drauf, Feuer drunter, mit Strohhalm den Rauch einziehen. Es geschieht in einer Bewegung.
"Ey, ist das nicht bisschen gefährlich?", frage ich.
Sie zieht seelenruhig den Rauch ein, hält die Luft an und pustet aus.
"Leck mich.", sagt sie seelenruhig.
"Oh okay."

Eine schwangere Frau raucht neben mir Heroin, sie sitzt auf dem gleichen Sofa wie ich. Kauft beim gleichen Dealer. Ich verstehe langsam. Nur weil ich nicht schwanger werden kann. Nur weil ich kein Baby im Bauch habe, bin ich nicht der bessere Junkie. Ich bin genauso wie sie. Da ist kein Unterschied.

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