wie zwei verlierer die welt retteten.

Unter Den Fingernägeln




Das sind so ungefähr meine Gedanken.
Ich bin gerade in einem Moment gefangen.
Und ich hoffe, dass er nie wieder endet.
Denn meine Hand ist warm. Ich trage keine Handschuhe.
Es ging zu schnell.


Frau Mustermüller hat eine Clownsmaske auf.
Ich trage keine weisse Kleidung. Ich trage nur Strapsen, die sich eng
an meine behaarten und muskulösen Beine schmiegen.


Frau Mustermüller ist jemand.
Und sie ist alle Menschen.

0982u3wenschmerzenklfgw0983932783737364747474777777777777777777
sdfkjbsdf89zsd98fzsschreitdgfsdgs
Schmerzen vor schreit sie.sdgdsjkhgdüfschmerzen
asdfsdoIhr Bauch ist offen und ich kann riechensdfafdsg89.
Kann Scheiße riechen.sdfgdsoi093290we a)(ÜÖIUG9g)üoh97IU
Es krabbeln kleine Insekte aus dem Loch direkt unter ihren Brüsten.
Ihr Körper kotzt Tumordreck aus. Lässt die OP-Naht platzen.
Ein feurig wilder Schwall Tumorkotze, ergießt sich aus ihrem Bauch,
in das Bett, auf den Boden und auf meine Hände.

Die Alarmklingel.
Sie klingelt ihr klingelndes Lied.
Man kann das schrille Geräusch wahrscheinlich auf der ganzen Station hören.
Am Tag, bei Sonnenlicht, wären schon seit fünf Minuten mindestens zwei Schwestern und zwei Ärzte hier.
Aber in der Nacht und im Dunkeln sind wir, bin ich...alleine.
Das Drücken des roten Knopfs war eine antrainierte Reaktion, ein beruflicher Instinkt.
Völlig ohne Aussicht auf Erfolg. Das verzweifelte Anwenden, von erlernten Fähigkeiten, in einer hoffnungslosen Situation.

Frau Mustermüller liegt in einem großen Zimmer.
Es ist das Rollstuhlzimmer. "Genug Freiraum für Mobilisationen aller Art", preist die Informationsbroschüre.
Mir ist kalt. Mir ist so unendlich kalt und ich habe Angst.

Mit der linken Hand drücke ich Frau Mustermüller an der linken Schulter auf die Matratze.
Sie ist panisch und will aufstehen, sie weiß dass sie stirbt. Sie weiß es schon viel länger, aber jetzt macht sich durch alte Instinkte in ihrem Reptiliengehirn die Tatsache des sofortigen,
gleich eintretenden Todes bemerkbar.
Ich müsste ihren Platzbauch versorgen, aber dafür ist keine Zeit und keine Möglichkeit.
Frau Mustermüller muss sediert werden, abgeschossen werden. Muss in das Niemandsland um von dort in das Garnichtland zu kommen.
Mit der rechten Hand, drücke ich hektisch die Piepertaste auf meinem Telefon.
Ich rechne nach, Jennifer braucht mindestens fünf Minuten um hier zu sein.
Genau in diesem Moment wird ihr Pieper klingeln.

"ES TUT SO WEH!", die Augen von Frau Mustermüller sind weit aufgerissen.
Ihre Arme sind dünn, sie hat keine Fettpolster am Körper.
Der Primärtumor, in ihren ehemals warmen Eingeweiden, ist ein guter Esser gewesen.
Ich könnte meinen Arm bis zum Ellenbogen in ihren Platzbauch stecken.
Sie ist Mitte 60, von Depressionen bis Brustkrebs hat sie alles durch.
Eine rote Zahl in schwarzen Statistiken.
Sie hat keine Haare. Auf ihrer Glatze verteilen sich rote, schuppige Flechten.
An einigen Tagen mehr und intensiver, an besseren Tagen blass und unscheinbar.
Das Patientenhemd hat sich vom Körper gerissen, es liegt blutverschmiert neben dem Bett.
Ihre schlaffen, leeren Brüste hängen links und rechts am Körper.
Sie liegt keuchend auf dem Bett, kann nicht ruhig bleiben.
Die Patientin windet sich wie ein Aal, wird gesteinigt, von Blitzen getroffen.

Ich habe Jennifer angepiept.
Werfe das Telefon weg, und halte die Patientin mit beiden Armen fest.
Ich schaue ihr in die Augen, in dem Moment schreit sie wieder.
Es ist eher ein Brüllen, ein animalisches Schreien nach Erlösung.
Sie stößt keine Wörter aus, nur ein langgezogenes tiefes Wehklagen.
"Frau...", sie schlägt mir gegen die Brust. Ich entscheide mich dazu, ihre Arme festzuhalten,
da sie versucht sich an den Bauch zu greifen.
Ich rufe etwas lauter "Frau Mustermüller!!", sie schaut mich nicht einmal an.


Ich beuge mich rüber und flüstere ihr in's Ohr.
"Frau Mustermüller, verstehen sie mich.", sie ruft "Es tut so weh. Es tut so weh.".
Aber ich bin überzeugt, dass dieses Wehklagen eine Reaktion auf mich war.
"Hören sie mir zu. Frau Mustermüller, nur ganz kurz.", ich rede langsam, leise und deutlich.
Sie muss mir zuhören, sonst versteht sie nichts, Menschen sind einfach neugierig, bis in den Tod.

"Die Ärztin ist gleich da, versuchen sie ruhig zu bleiben, Frau Mustermüller", ihre Atmung geht ein wenig runter. Sie versteht mich.
"Ich bleibe hier, Frau Mustermüller.",
ich hebe meinen Kopf hoch und schaue ihr in die Augen.
Ihre Pupillen sind klein wie Stecknadelköpfe, eine Folge der Morphinneueinstellung vorgestern.
"Ich--bleibe--hier. Okay? Haben sie das verstanden?", und ich habe Recht.
Natürlich bleibe ich hier, wohin sollte ich auch sonst gehen? Wohin könnte ich gehen?
Um diese Uhrzeit? In dieser Stadt? In diesem Jahrhundert? In dieser Welt?

Frau Mustermüller beruhigt sich, ab und zu muss ich ihre Hand von ihrem Bauch schieben.
Sie greift sich instinktiv an ihre Wunde.
Ich versuche meinen Blick abzuwenden. Aber dieses riesige Loch ist faszinierend.
Ich kann direkt in ihren Körper schauen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich diesen Anblick genießen kann.
Aber noch nie konnte ich einen Platzbauch bei einem absolut kachektischen Menschen betrachten.
Geronnenes, schwarzes Blut fließt in Strömen in das Bettzeug.
Ich kann dunkle Brocken in der Wunde erkennen.
Mir fällt auf, dass meine Patientin nicht mehr atmet. Ich schaue sofort auf ihren Mund.
Suche nach dem blauen Dreieck.
Eigentlich ist ein Platzbauch nicht tödlich, soviel Blut hat sie nicht verloren.
Vielleicht hat ihr unterernährter Körper einfach der schmerzhaften Gnade eines Herzinfarkts hingegeben. Vielleicht stirbt sie an einem 0815-Schock.
Aber höchstwahrscheinlich ist Frau Mustermüller einfach dabei aufzugeben.
Ihre Augen sind geschlossen, mir fällt es erst jetzt auf, und in diesem Moment reißt sie ihre Augen auf. Ich schaue sie fragend an.
"...net...", flüstert sie.
Ich beuge mich wieder zu ihrem Ohr hinab.
"Wie bitte?", frage ich, sie starrt an die Decke, an den gleichen Punkt wie der Kerl vor einer Woche, und wahrscheinlich auch auf exakt den gleichen Punkt wie alle anderen Patienten vor ihr, die in diesem Bett gestorben sind. (In jedem Bett eines jeden Krankenhauses in Deutschland ist schon einmal jemand gestorben.)
"Ein....bet.". Ich verstehe.

Ich kann das "Vater unser" trotz aller Hospiz Erfahrung nicht sonderlich gut.
Wir beten, zumindest versuche ich es. Als wir mit einem Amen abschließen, beuge ich mich zu ihr hinunter und sage:
"Es tut mir wirklich sehr, sehr leid."

Frau Mustermüller wird von der Schnappatmung bedrängt. Sie stirbt.
Ich lasse sie los und schaue mir meine Hände an.
Sie sind voller Blut. Dickes, frisches, dunkles, helles...Blut.
Alles miteinander vermengt. Ich habe Koagel unter den Fingernägeln.
Alle paar Sekunden reißt meine Patientin ihren Mund auf, reißt ihre Augen auf
und schnappt nach Luft.
Ich überlege ob ich ihr einfach die Bedarfsmedikation Morphin spritze und entschließe mich dazu, es so schnell wie möglich aufzuziehen.
Die Patientin blutet weiterhin aus ihrem Bauch.
Ich atme tief ein und kann den Tumor riechen.
Er hat einen Geruch und alle seine Kinder auch.
Die Metastasen, einige so groß wie Mandarinen, einige so klein, dass nur ein Mikroskop sie erwischen könnte, sie stinken genauso nach Verwesung,
Bitterkeit und Jauche wie der Primärtumor.

Die Tür geht auf.
Jennifer steht im Zimmer. Um ihren Hals baumelt ein Stetoskop
Verschlafen streicht sie sich eine Strähne aus dem Gesicht.
Sie schaut mich von oben bis unten an.
Bleibt mit ihrem Blick an meinen Händen hängen.
Ich halte sie wie einen Fremdkörper von mir weg

2 Kommentare:

  1. Das ist doch die passende Lektüre zum Frühstück.

    Pfui. Wieso lese ich sowas?

    AntwortenLöschen
  2. Weil es so unfassbar gut und spannend ist.

    AntwortenLöschen