wie zwei verlierer die welt retteten.

Endgift

Ich liege im Bett. 
Andauernd liege ich in irgendwelchen Betten.
Ich schwitze und mir ist trotzdem kalt.
Kann keine Sekunde ruhig liegen.
Meine Beine krampfen so sehr,
ich muss sie unentwegt in Bewegung halten.
Tausend Messer in den Muskeln.
Ich weine.

Heute ist der zweite Tag.
Also kommt jetzt der Durchfall.
Ich spüre es seit drei Stunden.
Seit mindestens drei Wochen war ich nicht mehr auf Klo.
Und jetzt kommt die Rache.
Die Krämpfe in meinem Unterbauch sind so schlimm,
dass ich würgen muss.

Ich wanke zum Badezimmer.
Krankenhaus. Gott sei Dank.
Ich bin in einem Krankenhaus.
Aber zuhause wäre mir das nicht passiert.
Zuhause hätte ich konsumiert.
Setze mich auf die Toilette.

Die Hitze steigt in mir auf, 
ich reiße mein Shirt von meinem Körper.
Ein stechender Schmerz schießt durch meinen Bauch.
Im selben Moment kotze ich mir im Schwall
auf Penis, Beine und Füße.
Gut gemacht.
Beim nächsten Darmkrampf gehen endlich die Lichter aus.
Ich falle nach vorne in die Pfütze meiner Kotze.

Als das Licht wieder angeht,
liege ich wieder im Bett.
Eine Krankenschwester wäscht mich.
"Tut mir leid" will ich sagen
und kotze unter Schmerzen auf ihre Arme.
"Och ne." sagt sie.
"tutmirleid."

Wenn ich wenigstens schlafen könnte.
Aber das geht nicht. Ich muss meine Beine bewegen.
Heute ist die dritte Nacht in der ich wach bleibe.
Was meine ehemaligen Freunde wohl gerade machen?
Ich starre auf die gelben Flecken meiner Arme.
Einige sind erst blau, später werden die dann gelb.

Mein Methadon wird jeden Tag reduziert.
Ein normaler Mensch würde bei 14 Millilitern sterben.
Ich komme selbst bei solchen Mengen in den Entzug.
Wie schlimm wird es denn bei Null?
Der erste Nulltag.
Ängstlich wird dieses Wort unter Patienten geflüstert.

In der dritten Nacht schrecke ich auf.
Habe ich geschlafen?
Stehe vor einem Feuerlöscher und streichle ihn sanft.
Ich verliere langsam die Nerven.
Mein Verstand spielt mir Streiche.

In der Morgenrunde sehe ich die Verlorenen.
Die am meisten zu erzählen haben, sind die Ewigsüchtigen.
Große Geschichten wie sie es jetzt schaffen werden.
Ich habe zwar keine Zähne mehr im Oberkiefer,
aber ich bin anders als diese Menschen.
Ich werde es schaffen. Ich bin ein Stein.
Sie reden über ihre Kinder und Familien.

Ich bin still. Ich habe nichts zu sagen.
Ich will nicht mehr reden. Es sind immer die gleichen Geschichten.
Ich bin jetzt zum fünften Mal hier.
Jedes Mal abgebrochen oder zur Substitution geschickt worden.
Dieses Mal nicht. Entweder ich sterbe oder ich schaffe es.
Beides ist mittlerweile absolut möglich.

Den ganzen Tag gibt es nur Leiden.
Nichts zu tun. Noch nicht mal ruhen ist mir möglich.
Ich bin so schrecklich müde, 
einmal in der Stunde muss ich Wasser scheißen.
Und selbst wenn ich auf Toilette sitze, 
und Wasser scheiße,
muss ich die Beine bewegen.
Andauernd niesen und gähnen. Andauernd dieses dumme Gelaber.
Ich solle mir die Schmerzen gut merken, damit ich ja nicht wieder anfange.
Die Schmerzen sind mir egal, ich will nur nicht sterben.

Jeden Morgen um 07:30 gibt es Methadon.
Wartend vor dem Pflegezimmer, kurz davor zu sterben.
Dabei bin ich schon gestorben.
Soviel ist an mir gestorben. Soviel liegen geblieben.
Soviel verkauft und verraten.
Ich weiß nicht aus was ich noch bestehe.
Aus vergammelten Prinzipien und Sucht.
Gibt es noch etwas anderes an mir als Sucht?

Was willst du also tun?
Es ist wieder Nacht. 
Krämpfe, Durchfall, Kälte und Hitze.
Immer weiter.
Immer wieder Patienten mit Rückfall.
Sie verstecken es nicht mal.
Sitzen mit mahlendem Kiefer im Tagesraum,
oder müden Augen vor dem Fernseher.

Ich starre auf meine gefleckten Arme.
Links und rechts, jede Vene benutzt.
Eines Tages war klar, dass ich jetzt andere finden muss.
In den Fuß stechen? In die Hand?
In den Hals?
Seit langer Zeit wieder ein Gefühl von Angst.

Der Stoff ruft mich.
Ich kann ihn riechen.
Ewige Gier.
Auch wenn mir Heilung versprochen wird.
Besserung sogar.
Ist dieses Jahr etwas in mir gestorben.
Und egal was ich tun werde,
es bleibt tot.

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